Flächenrecycling statt Flächenverbrauch

Ersatzflächen nur durch Kündigungen?

BI Breitwiesen und Landwirte fordern zum Umdenken auf

„Dass der Sulzbacher Ortschaftsrat einstimmig die Kündigung von Pachtverträgen für dortige Landwirte ablehnt, das ist absolut nachvollziehbar und eine Folge der Knappheit landwirtschaftlicher Flächen um Weinheim “, so Karl Bär, Landwirtschaftsmeister und Vorstandsmitglied des Vereins BI Breitwiesen. Der Verein sieht sich dem Schutz der landwirtschaftlichen Flächen verpflichtet und fragt weiter: „Warum sollen die Landwirte in Sulzbach dafür haften, dass Weinheims Verwaltung entgegen massiver Bürgerproteste 12,5 ha Ackerland auf der Hinteren Mult in Gewerbeflächen umwandeln will?“ Während der Sulzbacher Ortschaftsrat nun seine Landwirte vor dem Verlust von Pachtflächen bewahren kann, haben nun etliche andere außerhalb von Sulzbach Kündigungsbriefe erhalten.

Dazu gehört auch Hermann Böhler, Landwirt in der Weidsiedlung, der den Oberbürgermeister in der Gemeinderatssitzung fragt: „Was soll ich denn meinem Sohn und Nachfolger sagen, wie es nun mit dem Hof weitergehen soll?“ Er berichtet, dass von seinen 14.100qm Ackerfläche nun 6.000qm gekündigt wurden, alles städtisches Gelände. „Nun ist ein Hof in seiner Existenz bedroht, der Gemeinderat hat Kenntnis. Das sollte zu denken geben“, hofft Karl Bär, der die Unruhe bei den Landwirten mit Sorge beobachtet.

Derzeit wird Ersatz gesucht für rund 106.000 qm Bewirtschaftungsfläche, die in der Hinteren Mult verloren gehen. Aus den Kündigungsschreiben geht auch hervor, dass „deutlich über den tatsächlichen Bedarf hinaus“ Kündigungen vorgenommen werden. Um flexibel zu sein, wie es heißt. Ab dem 1. Juli soll dann überprüft werden, welche Flächen tatsächlich zum üblichen Termin am 10. November zu kündigen sind.

„Diese Kündigungen noch vor Beendigung des Normenkontrollverfahrens sind wirklich bestürzend“, so Ingrid Hagenbruch, Vorsitzende der BI Breitwiesen. Der nun aufkommende Ärger sei absehbar gewesen, da Ersatzflächen nur dadurch zu bekommen sind, dass anderen Landwirten die Flächen entzogen werden. Boden sei eben eine endliche Ressource.

Nun also, stellt Hagenbruch fest, würden jahrzehntewährende Pachtverträge mit den Landwirten einfach freigekündigt. Es sei wie die „Reise nach Jerusalem“, die letzten fänden keinen Platz mehr und hätten den Schaden. Die Konsequenz „Landwirt ohne Land“ werde dabei fahrlässig in Kauf genommen.

Fritz Pfrang, Vorsitzender des Bauernverbands sieht diese Fehlentwicklung schon lange: „Seit Jahren haben wir immer wieder erklärt, dass regionale landwirtschaftliche Anbauflächen fehlen. Landwirte brauchen Boden zum Bewirtschaften, sonst geht es an die Existenz. Auch die Bürger wünschen und schätzen eine regionale Versorgung mit frischen Lebensmitteln und auch den Erholungswert der Feldflur“.

Hintergrund und weiterer Auslöser für die Flächenknappheit, so berichtet der Verein, war 2017 der Wunsch einer Firma, ein Lager von Heppenheim nach Weinheim zu verlegen, angrenzend an das Betriebsgebäude in der Olbrichtstraße. Die Hintere Mult biete ja reichlich Platz mit ihren grünen Flächen.

Dem Wunsch sei damals seitens Wirtschaftsförderung, Stadtspitze und wirtschaftsnahen Gemeinderatsmitgliedern zügig entsprochen worden. Sogleich sollte dann auch das ganze Gebiet Hintere Mult zum Gewerbegebiet werden. „Der ökologische Schaden wurde untergeordnet. Die Sorge um den Verlust regionaler Anbauflächen, die Zerstörung einer Kaltluftschneise, eines Erholungsgebiets und der Verlust von Artenvielfalt und Klimaschutz konnte sich nicht durchsetzen gegenüber kurz- bis mittelfristigen Interessen einiger Gewerbetreibender,“ stellt der Verein BI Breitwiesen bedauernd fest.

Damals hieß es, die Firma werde abwandern, wenn das Lager nicht direkt nebenan auf die Hintere Mult gebaut werden kann. Und heute? Nach jüngster Äußerung der Wirtschaftsförderung sei keine Gefahr zu erkennen, dass Firmen abwandern.

Der Verein BI Breitwiesen und der Bauernverband fordern daher, endlich die vorhandenen Alternativen zum Flächenverbrauch zu realisieren, denn weitere Flächenverluste seien weder für Bürgerinnen noch für Landwirte hinnehmbar.

Vorliegenden Untersuchungen zufolge gäbe es noch zahlreiche Leerstände sowohl bei Gewerbeflächen als auch beim Wohnraum, insgesamt mindestens in einer Größenordnung der Hinteren Mult. „Es gibt also Alternativen zum Bauen auf der grünen Wiese; damit wird den Landwirten geholfen und trotzdem Entwicklungsmöglichkeiten für viele Gewerbetreibende geboten. Schließlich sei der Erhalt unserer Feldflur enorm wichtig für den Klimaschutz, “ ergänzt Uwe Rastetter vom Vorstand der BI Breiwiesen. Zu berücksichtigen sei auch, dass mit der Entwicklung hin zu mehr Home-Office viele Betriebe weniger Flächen benötigen. Es gelte daher, in erster Linie die vorhanden Potentiale im bebauten Bereich auszuschöpfen.